
Mario, 55 – Lungenkrebs
Wenn Atmen plötzlich Arbeit wird.
Ich sitze im Sessel und starre auf meine Hände. Raue Hände. Hände, die schon viel getragen haben. Zementsäcke, Werkzeuge, Verantwortung. Hände, die auf Baustellen gezeigt haben, wo es langgeht. Hände, die Probleme angepackt haben.
Heute liegen sie einfach nur da. Auf meinen Knien.
Schwer.
Neben mir tropft die Chemo langsam durch den Schlauch. Tropfen für Tropfen. Als hätte die Zeit plötzlich ein anderes Tempo bekommen. Früher war mein Tag voll. Telefonate, Baustellen, Entscheidungen, Termine, Druck. Als Bauleiter bist du gewohnt, dass ständig irgendwas brennt. Ein Lieferant kommt nicht, ein Plan passt nicht, einer braucht eine schnelle Entscheidung.
Und ich war immer der, der entschieden hat. Jetzt entscheidet mein Körper mit.
Und meistens frage ich mich, seit wann er damit angefangen hat, ohne mich zu sprechen.
Mitten in der Therapie.
Ich dachte, mich haut nichts um.
Das war nicht nur so dahingesagt. Ich habe wirklich daran geglaubt. Ich war kräftig, habe gearbeitet, oft länger als gut war, habe Dinge getragen, repariert, organisiert. Wenn etwas kaputt war, wurde es gemacht. Wenn etwas schwierig war, wurde es durchgezogen.
So bin ich eben. Oder so war ich.
Der Husten kam nicht plötzlich. Er war erst einfach da. Ein bisschen lästig. Dann hartnäckig. Dann kam die Erschöpfung dazu. Dieses Müde-Sein, das nicht weggeht, auch wenn man schläft. Und irgendwann wurde das Atmen komisch. Schwerer. Bewusster.
Atmen wurde plötzlich etwas, worüber ich nachdenken musste.
Sabine sagte immer wieder: „Mario, lass das anschauen.“
Ich sagte: „Ja, mach ich.“ Aber ich machte es nicht sofort.
Nicht, weil ich dumm bin. Sondern weil ich dachte, es wird schon. Weil ich keine Zeit hatte. Weil Männer wie ich oft erst dann zum Arzt gehen, wenn es nicht mehr anders geht. Und vielleicht auch, weil ich tief drin schon Angst hatte, dass es eben nicht nur ein Husten ist.
Dann kamen die Untersuchungen. Röntgen, CT, Gespräche, Warten. Und irgendwann dieses Wort.
Lungenkrebs.
Ein Wort, das nicht in mein Leben passte. Nicht in meine Baustellen. Nicht an unseren Gartentisch. Nicht in die Sonntage mit Fußball, Grill und Bier. Nicht zu Sabines Stimme. Nicht zu meinen Kindern.
Und trotzdem war es da.
Der Mann, der stark wirken wollte.
Am Anfang habe ich kaum darüber gesprochen. Ich habe genickt, gefragt, was gemacht werden muss, und versucht, sachlich zu bleiben. Ich wollte stark wirken. Für Sabine. Für unsere Kinder. Für alle.
Aber innerlich war ich gebrochen.
Das sage ich heute. Damals hätte ich es nicht gesagt. Nicht mal mir selbst.
Ich zog mich zurück. Saß öfter allein im Garten, auch wenn es zu kalt war. Tat so, als würde ich einfach frische Luft brauchen. In Wahrheit wusste ich nicht, wohin mit mir. Ich war wütend. Auf die Krankheit. Auf meinen Körper. Auf diese Schwäche, die ich nicht kannte. Auf diese Angst, die ich niemandem zeigen wollte.
Plötzlich war ich sterblich.
Natürlich weiß man das irgendwie. Jeder weiß das. Aber wissen und spüren sind zwei verschiedene Dinge. Wenn du nachts wachliegst und deine eigene Atmung hörst, dann wird aus einem Gedanken plötzlich etwas Echtes.
Dann liegst du da und denkst: Was, wenn ich nicht mehr genug Zeit habe? Für Sabine. Für meine Kinder.
Für all das, was ich immer auf später geschoben habe.
Chemo-Tage.
Die Chemotherapie hat ihren eigenen Rhythmus. Es gibt Tage, an denen ich hier sitze und versuche, tapfer auszusehen. Dann kommen die Schwestern, freundlich, routiniert, und ich mache irgendeinen trockenen Spruch. So bin ich halt. Oder so versuche ich, mich wiederzuerkennen.
Manchmal klappt es. Manchmal nicht. Manchmal ist mir schlecht, bevor überhaupt etwas passiert. Manchmal riecht alles nach Krankenhaus. Manchmal spüre ich die Müdigkeit schon in den Knochen, noch bevor ich zu Hause bin. Sabine sitzt oft neben mir. Sie bringt Wasser mit, manchmal etwas zu essen, obwohl ich meistens keinen Appetit habe. Sie fragt nicht ständig, wie es mir geht. Dafür bin ich dankbar. Sie kennt mich. Sie weiß, dass ich nicht immer reden kann. Aber sie bleibt. Das ist viel mehr wert als jeder perfekte Satz.
Einmal saß sie neben mir, während die Chemo lief, und ich sagte plötzlich: „Ich wollte dich eigentlich immer beschützen.“ Sie sah mich an. „Das tust du doch.“ Ich schüttelte den Kopf. „Nicht so.“ Sie nahm meine Hand. Meine raue, schwere Hand in ihrer. „Vielleicht musst du dich jetzt auch mal beschützen lassen.“ Das hat gesessen.
Mein bester Freund.
Mein bester Freund kam irgendwann vorbei. Natürlich mit einem Spruch. Anders kann er nicht. „Du siehst aus, als könntest du mal wieder einen Grillabend gebrauchen.“ Ich musste lachen, obwohl mir nicht danach war. Genau das brauchte ich. Wir saßen später im Garten. Kein großer Besuch, kein Mitleid, kein dramatisches Gespräch. Nur zwei Männer, die sich lange kennen. Er redete über Fußball, über irgendeinen Blödsinn vom Stammtisch, über Dinge, die früher normal waren und plötzlich kostbar klangen.
Dann wurde er still. „Hast du Schiss?“, fragte er. Direkt. Wie immer.
Ich sah lange auf den Rasen. Früher hätte ich gesagt: „Quatsch.“ Diesmal sagte ich: „Ja.“ Er nickte nur. „Ich auch“, sagte er. Mehr nicht.
Und komischerweise war genau das einer der ehrlichsten Momente seit der Diagnose. Kein Wegreden. Kein Aufmuntern mit Gewalt. Nur Wahrheit.
Für meine Familie.
Ich kämpfe für meine Familie.
Diesen Satz sage ich nicht, weil er schön klingt. Ich sage ihn, weil er mich an manchen Tagen aufrecht hält. Wenn ich keine Kraft habe. Wenn mir der Körper fremd wird. Wenn ich merke, dass ich nicht mehr der Mann bin, der alles alleine stemmt. Meine Kinder sind erwachsen, aber sie sind trotzdem meine Kinder. Ich sehe ihre Sorge. Auch wenn sie versuchen, sie zu verstecken. Sie rufen öfter an. Fragen vorsichtig. Kommen vorbei. Helfen im Garten, obwohl ich früher gesagt hätte: „Lass, mach ich selbst.“ Heute muss ich lernen, sie machen zu lassen. Das fällt mir schwer. Nicht, weil ich ihnen nicht vertraue. Sondern weil es an meinem Selbstbild kratzt. Ich war der Versorger. Der Beschützer. Der, der repariert, trägt, organisiert, regelt. Jetzt stehe ich manchmal daneben und sehe zu, wie andere Dinge für mich tun.
Das ist Liebe. Aber es fühlt sich auch an wie Verlust.
Was bleibt.
Die Chemo nimmt mir viel. Kraft. Appetit. Geduld. Manchmal auch meinen Stolz. Sie zeigt mir Grenzen, die ich nie sehen wollte. Aber sie zeigt mir auch, was bleibt. Sabine, die neben mir sitzt, wenn ich nicht reden will. Meine Kinder, die einfach kommen. Mein bester Freund, der keine Angst vor meiner Angst hat. Der Garten, in dem ich manchmal nur dasitze und atme. Ganz bewusst. Ein. Aus. Ein. Aus.
Früher war Atmen selbstverständlich. Heute ist es ein Versprechen.
Ich weiß nicht, was jeder nächste Tag bringt. Und das macht mich fertig, weil ich es gewohnt bin, Dinge zu planen. Aber ich lerne, dass Durchhalten nicht immer bedeutet, die Zähne zusammenzubeißen und nichts zu zeigen.
Manchmal bedeutet Durchhalten, zu sagen: Heute geht es mir beschissen.
Manchmal bedeutet Stärke, die Hand meiner Frau nicht loszulassen. Manchmal bedeutet Verantwortung, die eigene Angst nicht länger wegzuschließen.
Weiteratmen.
Ich sitze wieder im Sessel. Die Chemo läuft. Tropfen für Tropfen. Mein Körper ist müde, mein Kopf auch. Aber ich bin da. Nicht so stark, wie ich wirken wollte. Nicht unerschütterlich. Nicht der Mann, den angeblich nichts umhaut. Aber ich bin da. Und vielleicht ist genau das gerade mein Kampf. Nicht laut. Nicht schön. Nicht heldenhaft, wie man es sich manchmal vorstellt. Echt.
Ich kämpfe für Sabine. Für meine Kinder. Für die Sonntage im Garten. Für Fußballabende. Für Grillgeruch in der Luft. Für Gespräche mit meinem besten Freund. Für das Gefühl, nach Hause zu kommen und zu wissen, wofür ich weitermache. Ich atme ein. Ich atme aus.
Und ich mache weiter.
Mario, 55 – Lungenkrebs
Anmerkung Mario, März 2026:
Danke Mareen, dass du dieses Interview mit mir gemacht hast und mein Gesabbel zu Worte bringst.

„Heute geht es mir beschissen.“
FAQs
Angst, dass der Krebs wieder kommt – was nun?
Eine Angst, die du lernst zu akzeptieren. Diese Angst ist nicht dein Feind.
Sie sagt: "Geh regelmäßig zur Kontrolle." "Höre auf deinen Körper" "Lass uns den Körper frühzeitig untersuchen." "Ich bin etwas besonderes, weil ich dir helfen will."
Wir verbinden Angst immer mit etwas schlechtem. Dabei ist Angst ein Zeichen dafür, dass wir auf uns hören.
Die Angst, dass der Krebs wiederkommt, kennen viele Betroffene.
Sie kann laut sein, plötzlich auftauchen und besonders vor Kontrollterminen alles wieder hochholen.
Lass sie zu, aber lass sie niemals die Kontrolle übernehmen.
Viele Betroffene berichten, dass ihnen hilft:
- offen über ihre Gefühle und Ängste zu sprechen
- sich Schritt für Schritt auf die nächsten Behandlungsschritte zu konzentrieren
- Unterstützung durch Familie, Freunde oder Beratungsstellen anzunehmen
Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben.
Mut bedeutet, sie zuzulassen.
Wo finde ich Unterstützung nach der Krebsdiagnose?
Es gibt viele Anlaufstellen, die dir in dieser schwierigen Zeit Unterstützung bieten. Nutze vor allem auch die regionalen Angebote vor Ort. Hier lernst du Menschen kennen, denen es ähnlich geht. Und gemeinsam ist es im Leben eben ein bisschen leichter.
Es gibt viele Angebote, die du nutzen kannst:
- Krebsberatungsstellen (vor allem regional gibt es viele Angebote)
- psychoonkologische Unterstützung (Frage gerne in deiner Klinik nach Kontakten)
- Selbsthilfegruppen (liegen oft als Flyer in Kliniken aus)
- Online-Communities für Betroffene (Auch online findest du Austausch - Achte dabei aber auf seriöse Quellen und darauf, was dir wirklich guttut.)
Du bist nicht alleine.
Darf ich während der Krebs-Therapie schwach sein?
Ja. Krebsbehandlungen können körperlich und emotional sehr anstrengend sein. Es ist völlig in Ordnung, Tage zu haben, an denen du erschöpft bist, dich zurückziehen möchtest oder einfach keine Kraft hast.
- Dein Körper arbeitet hart – gib ihm Ruhe & Zeit.
- Du darfst körperlich und emotional schwach sein.
- Du darfst müde sein.
- Du darfst traurig, wütend oder überfordert sein.
- Du darfst Pausen brauchen.
- Du darfst Hilfe annehmen.
Schwäche ist keine fehlende Stärke - sie ist ein Teil davon.
Wie sage ich meiner Familie oder meinen Freunden von der Diagnose?
Viele Betroffene haben Angst vor diesem Gespräch. Oft hilft es, ehrlich und ruhig zu erklären, was man selbst bereits weiß. Du kannst auch sagen, dass du noch nicht auf alle Fragen eine Antwort hast. Familie und Freunde möchten meist helfen – manchmal wissen sie nur nicht wie.
Wie gehe ich mit der Angst bei Krebs um?
Angst ist eine natürliche und wichtige Reaktion.
Vielen hilft es:
- offen über ihre Gefühle zu sprechen
- sich gut über die Erkrankung zu informieren
- kleine Ziele für den Alltag zu setzen
- Unterstützung von Psychoonkologen oder Selbsthilfegruppen anzunehmen
- mit Menschen reden, bei denen man einfach sein darf
Die Angst darf ein Teil von Dir sein. Aber sie darf nicht führen.
Ich habe gerade die Diagnose Krebs bekommen – was jetzt?
Die Diagnose nimmt vielen von uns den Boden unter den Füßen.
Für einen Moment ist das Leben surreal.
Wir fühlen uns überfordert, haben Angst und ein großes Fragezeichen, wenn wir an unsere Zukunft denken. Das ist völlig normal.
Du musst diesen Weg nicht alleine gehen. Sprich mit Menschen, die dir nahe stehen. Stelle Fragen an dein Behandlungsteam und hole dir die Unterstützung deiner Familie und deinen Freunden. Gemeinsam fühlt es sich leichter an.
Schritt für Schritt entsteht ein Weg.


