
Remón, 48 – Krebs – nicht schon wieder.
zusammenhalten & zusammen Halten
Ich war im Büro, als mein Handy klingelte. Mariechen. Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Wir telefonierten oft kurz zwischendurch. Wegen der Kinder, wegen Terminen, wegen irgendwas, das noch erledigt werden musste. Sie war immer die, die alles im Blick hatte. Unsere Familie, die Schule, den Alltag, den Förderverein, tausend Dinge gleichzeitig. Mariechen war nicht einfach nur meine Frau – Sie war die Managerin.
Ich habe das auch genossen – mein Alltag war entspannt. Weil, wenn ich etwas nicht kann – dann ist das Organisieren. Wenn Mariechen etwas in die Hand nimmt, dann läuft es. Sie war oft schon drei Schritte weiter, während ich noch überlegte, wo überhaupt der Anfang ist. So war unser Leben. Nicht perfekt, aber eingespielt. Achtzehn Jahre lang.
An diesem einen Tag lief nichts mehr.
Ich ging wie immer ans Telefon und sagte: „Ja.“
Am anderen Ende hörte ich nichts. Nur Schluchzen. Sofort war alles in mir angespannt. Dieses eine Geräusch, wenn du jemanden liebst und sofort weißt: Da ist etwas passiert.
„Ja, Schatz. Was ist?“
Wieder nur Weinen.
Und dann dieser Satz.
„Ich habe Krebs. Bitte hol mich ab.“
Der Satz, der alles verändert
Ich weiß nicht mehr genau, was ich danach gesagt habe. Ich weiß nur noch, dass mein Körper sofort funktioniert hat. Rechner aus, Tasche schnappen, kurz Bescheid geben und los. So, wie man eben funktioniert, wenn man noch gar nicht begriffen hat, was gerade passiert.
Krebs.
Da ist er wieder – dieser Krebs. Es ist nicht das erste Mal in meinem Leben, das ich damit konfrontiert werde. Meine Mutter hatte Krebs – Brustkrebs. Sie hat es nicht geschafft …
Als ich Mariechen diesen Satz sagen hörte, war ich nicht nur ihr Ehemann, der jetzt seine Frau abholen wird. Ich war auch sofort wieder der Sohn, der seine Mutter verloren hatte. Alles war wieder da – die Angst, die Hilflosigkeit, die Ohnmacht, die Bilder im Kopf.
Was Mariechen damals selbst kaum einordnen konnte, ließ mir einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Sie hatte diese Verhärtung nicht an irgendeinem einem Tag bemerkt, es war der Todestag meiner Mutter. Sie hatte nicht darüber nachgedacht. Es war einfach passiert.
Für sie war es zuerst vielleicht nur ein Gedanke: Zyste, bestimmt nichts Schlimmes. Für mich wurde es später zu etwas, das ich kaum ertragen konnte. Ausgerechnet an diesem Tag. Dem Tag, an dem ich jedes Jahr an meine Mutter denke. An ihren Brustkrebs. An das, was wir verloren haben.
Nicht schon wieder. Nicht Brustkrebs. Nicht bei ihr.
Ich hole dich ab
Als ich sie sah, war es endgültig echt. Da stand nicht die starke Frau, die ich kannte. Nicht die Frau, die Dinge regelt, Termine macht und mit klarer Stimme sagt, was jetzt passiert. Da war mein Mariechen. Verweint. Verloren. Auf einmal so verletzlich …
Ich wollte sie in den Arm nehmen und gleichzeitig irgendetwas sagen, das alles besser macht. Aber was sagt man, wenn nichts besser wird durch Worte? Ich glaube, ich sagte einfach nur: „Ich bin da.“
Sie stieg ins Auto, sah mich an und sagte: „Wir bekommen das hin. Ich werde das schaffen. Ach ja – und die Brüste kommen ab.“ Das war typisch Mariechen. Gerade eben war ihr der Boden weggezogen worden, und trotzdem machte sie schon eine Kampfansage. Nicht leise, nicht vorsichtig, sondern klar und deutlich.
Ich sah sie an und wusste: Egal, was kommt, ich gehe mit. Also sagte ich den Satz, der für mich selbstverständlich war: „Alles, was du willst, Schatz. Ich stehe hinter dir.“
In unseren Ringen steht: zusammenhalten & zusammen Halten. An diesem Tag wurden diese Worte echt.
Zuhause
Auf der Heimfahrt war alles unwirklich. Mariechen telefonierte, organisierte, regelte. Biopsie, Praxis, Klinik, Termine. Selbst in diesem Zustand machte sie weiter. Ich saß neben ihr und merkte, wie meine Gedanken zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her wanderten. Mariechen mit Krebs. Meine Mutter mit Krebs. Unsere Kinder. Ihre Tränen. Meine Angst.
Ich wollte stark sein. Für sie. Für die Kinder. Für alle. Aber innerlich war ich nicht stark. Ich war nicht panisch – aber voller Unruhe, voller Ungewissheit. Und diese Bilder im Kopf.
Zu Hause setzte Mariechen sich auf die Terrasse. Sie weinte wieder. Einfach so. Blick ins Ungewisse. Ich kannte diesen Blick nicht von ihr. Nicht so. Mariechen war immer voller Energie. Voller Willen. Voller Leben. Und jetzt saß sie da, als hätte ihr jemand für einen Augenblick den Stecker gezogen.
Dann kamen die Kinder. Ich glaube, kein Moment hat mich so sehr getroffen wie dieser. Unsere Kinder sahen sie an. Ihre Mutter. Den Menschen, der für sie alles bedeutet. Und Mariechen musste ihnen sagen: Ich habe Krebs.
Wenn die Chefin krank wird
In den nächsten Wochen änderte sich alles. Mariechen wollte weiter organisieren. Natürlich wollte sie das. Termine, Befunde, Arztgespräche, Klinik, Unterlagen, Kinder, Alltag. Sie wollte alles im Griff behalten, weil Kontrolle ihr Kraft gab. Aber Krebs lässt sich nicht einfach wegorganisieren.
Und ich musste lernen, nicht nur zu fragen: „Was soll ich machen?“ Nein, Ich musste selbst sehen, was getan werden muss. Das war schwerer, als es klingt. Wenn man viele Jahre mit einer Frau lebt, die so viel im Blick hat, gewöhnt man sich daran. Nicht, weil man nichts tun will. Sondern weil sie immer schneller ist. Weil sie schon drei Schritte weiterdenkt. Weil sie Dinge erledigt, bevor man überhaupt merkt, dass sie anstehen.
Jetzt musste ich lernen, mitzutragen. Einkaufen, Termine, Kinder, Haushalt, Essen, Fahrten, kleine Dinge, große Dinge. Und Mariechen musste lernen, abzugeben. Das war für sie vielleicht fast schwerer als für mich.
Ich glaube, wir haben in diesen sechs Monaten mehr gestritten als in achtzehn Jahren davor. Aber es war nicht, weil wir uns weniger liebten. Es war, weil alles zu viel war. Die Angst war zu viel. Die Termine waren zu viel. Die Chemo war zu viel. Die Veränderungen waren zu viel. Zu viel auf einmal.
Wir stritten über Dinge, die eigentlich gar nicht das Problem waren. Über Essen. Über Termine. Über Kinder. Über Sätze, die falsch klangen. Über Hilfe, die nicht half. Über Nähe, wenn einer von uns gerade Abstand brauchte. Und unter allem lag immer dasselbe: Angst. Mariechens Angst, krank zu sein. Meine Angst, sie zu verlieren. Die Angst um die Kinder. Und irgendwo darunter auch die alte Angst, dass die Bilder im Kopf wiederkehren.
zusammenhalten & zusammen Halten
Ich habe in dieser Zeit gelernt, dass Zusammenhalten nicht immer schön aussieht. Manchmal sieht Zusammenhalten aus wie Streit. Wie zwei Menschen, die beide Angst haben und deshalb die falschen Worte benutzen. Manchmal sieht Zusammenhalten aus wie Schweigen. Wie eine Hand auf dem Rücken. Wie ein Glas Wasser neben dem Bett. Wie ein „Ich fahre dich“ ohne Diskussion. Wie ein „Lass mich das machen“. Wie ein „Es tut mir leid“ nach einem Streit, bei dem keiner wirklich gewinnen konnte.
Zusammenhalten heißt nicht, dass man immer stark ist. Es heißt, dass man bleibt. Auch wenn es unbequem wird. Auch wenn man sich gegenseitig nicht immer versteht. Auch wenn die Krankheit Rollen durcheinanderbringt, die jahrelang funktioniert haben.
Mariechen war die Managerin der Familie. Und sie ist es irgendwie immer noch. Aber sie darf jetzt auch müde sein. Sie darf schwach sein. Sie darf Angst haben. Sie darf Kontrolle abgeben, ohne sich selbst zu verlieren. Und ich darf lernen, wirklich mitzutragen.
Sechs Monate haben uns mehr gefordert als achtzehn Jahre davor. Aber sie haben mir auch gezeigt, was unsere Worte in den Ringen wirklich bedeuten.
zusammenhalten & zusammen Halten.
Das sind nicht nur Worte. Das ist manchmal ein Kampf. Ein tägliches Entscheiden. Ein Bleiben. Ein Aushalten. Ein Aufeinanderzugehen.
Ich bin Remón. Der Ehemann von Mareen. Der Mann einer Frau, die Krebs hatte und trotzdem nie aufgehört hat, zu leben. Der Sohn einer Mutter, die an Krebs gestorben ist. Der Vater von Kindern, die ihre Mama brauchen. Und ein Mensch, der lernen musste, dass Angst und Liebe manchmal denselben Raum teilen.
Ich weiß nicht, ob ich alles richtig gemacht habe. Wahrscheinlich nicht. Ich war überfordert. Ich war verloren. Ich war hilflos. Ich habe falsch reagiert, zu viel gefragt, zu wenig gesagt, Dinge persönlich genommen, die nur Schmerz waren.
Aber ich bin geblieben. Und ich bleibe.

„Zusammen Halten & zusammenhalten“
FAQs
Angst, dass der Krebs wieder kommt – was nun?
Eine Angst, die du lernst zu akzeptieren. Diese Angst ist nicht dein Feind.
Sie sagt: "Geh regelmäßig zur Kontrolle." "Höre auf deinen Körper" "Lass uns den Körper frühzeitig untersuchen." "Ich bin etwas besonderes, weil ich dir helfen will."
Wir verbinden Angst immer mit etwas schlechtem. Dabei ist Angst ein Zeichen dafür, dass wir auf uns hören.
Die Angst, dass der Krebs wiederkommt, kennen viele Betroffene.
Sie kann laut sein, plötzlich auftauchen und besonders vor Kontrollterminen alles wieder hochholen.
Lass sie zu, aber lass sie niemals die Kontrolle übernehmen.
Viele Betroffene berichten, dass ihnen hilft:
- offen über ihre Gefühle und Ängste zu sprechen
- sich Schritt für Schritt auf die nächsten Behandlungsschritte zu konzentrieren
- Unterstützung durch Familie, Freunde oder Beratungsstellen anzunehmen
Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben.
Mut bedeutet, sie zuzulassen.
Wo finde ich Unterstützung nach der Krebsdiagnose?
Es gibt viele Anlaufstellen, die dir in dieser schwierigen Zeit Unterstützung bieten. Nutze vor allem auch die regionalen Angebote vor Ort. Hier lernst du Menschen kennen, denen es ähnlich geht. Und gemeinsam ist es im Leben eben ein bisschen leichter.
Es gibt viele Angebote, die du nutzen kannst:
- Krebsberatungsstellen (vor allem regional gibt es viele Angebote)
- psychoonkologische Unterstützung (Frage gerne in deiner Klinik nach Kontakten)
- Selbsthilfegruppen (liegen oft als Flyer in Kliniken aus)
- Online-Communities für Betroffene (Auch online findest du Austausch - Achte dabei aber auf seriöse Quellen und darauf, was dir wirklich guttut.)
Du bist nicht alleine.
Darf ich während der Krebs-Therapie schwach sein?
Ja. Krebsbehandlungen können körperlich und emotional sehr anstrengend sein. Es ist völlig in Ordnung, Tage zu haben, an denen du erschöpft bist, dich zurückziehen möchtest oder einfach keine Kraft hast.
- Dein Körper arbeitet hart – gib ihm Ruhe & Zeit.
- Du darfst körperlich und emotional schwach sein.
- Du darfst müde sein.
- Du darfst traurig, wütend oder überfordert sein.
- Du darfst Pausen brauchen.
- Du darfst Hilfe annehmen.
Schwäche ist keine fehlende Stärke - sie ist ein Teil davon.
Wie sage ich meiner Familie oder meinen Freunden von der Diagnose?
Viele Betroffene haben Angst vor diesem Gespräch. Oft hilft es, ehrlich und ruhig zu erklären, was man selbst bereits weiß. Du kannst auch sagen, dass du noch nicht auf alle Fragen eine Antwort hast. Familie und Freunde möchten meist helfen – manchmal wissen sie nur nicht wie.
Wie gehe ich mit der Angst bei Krebs um?
Angst ist eine natürliche und wichtige Reaktion.
Vielen hilft es:
- offen über ihre Gefühle zu sprechen
- sich gut über die Erkrankung zu informieren
- kleine Ziele für den Alltag zu setzen
- Unterstützung von Psychoonkologen oder Selbsthilfegruppen anzunehmen
- mit Menschen reden, bei denen man einfach sein darf
Die Angst darf ein Teil von Dir sein. Aber sie darf nicht führen.
Ich habe gerade die Diagnose Krebs bekommen – was jetzt?
Die Diagnose nimmt vielen von uns den Boden unter den Füßen.
Für einen Moment ist das Leben surreal.
Wir fühlen uns überfordert, haben Angst und ein großes Fragezeichen, wenn wir an unsere Zukunft denken. Das ist völlig normal.
Du musst diesen Weg nicht alleine gehen. Sprich mit Menschen, die dir nahe stehen. Stelle Fragen an dein Behandlungsteam und hole dir die Unterstützung deiner Familie und deinen Freunden. Gemeinsam fühlt es sich leichter an.
Schritt für Schritt entsteht ein Weg.


