Mareen, 44 – Krebs ist ein Arsch.

Ein neues Leben…

Es war so ein klassischer fauler Sonntag. Wir waren um 02:30 Uhr von der Hochzeitsfeier nach Hause gekommen, und viel Schlaf hatten wir nicht. Also hieß es für den Tag: Couch, Fernsehen & Chips.

In einer komischen Liegeposition merkte ich auf einmal, dass sich in meiner rechten Brust etwas zusammengezogen hatte. Als ich es berührte, spürte ich eine Verhärtung. Erster Gedanke: Sicher nur eine Zyste – kein Thema.

Dieser Gedanke ließ mich in den kommenden Tagen nicht los. Also entschied ich am 17.07., meinen Arzt anzurufen, und vereinbarte einen Termin. Ich hatte Glück und bekam direkt für Montag, den 21.07., einen Termin. Die erste Untersuchung mit Abtasten und Ultraschall ergab, dass es ganz sicher keine Zyste ist. „Wir müssen genau schauen“, sagte der Arzt, „und machen jetzt einen Termin zur Mammographie.“ Dann vereinbarte ich gleich einen Termin zur Biopsie für die kommende Woche.

„Wir besprechen danach die Auswertung und die nächsten Schritte.“

Tränen liefen mir übers Gesicht, aber der Boden unter meinen Füßen war noch da. Die Hoffnung war groß, dass bei der Mammographie nichts Schlimmes herauskommt.

Termine, Untersuchungen – Jetzt!

Ich versuchte noch in der Praxis, die Radiologie zu erreichen. Leider ohne Erfolg. Also setzte ich mich ins Auto und fuhr direkt hin. Vor der Anmeldung warteten bestimmt zehn Menschen. Nach einer gefühlten Ewigkeit durfte ich hinein.

„Ich muss dringend zur Mammographie“, sagte ich.
Die Antwort war klar und deutlich: „Nicht in den nächsten drei Wochen.“
Ich schaute sie an und hielt kurz inne. Dann holte ich Luft und sagte freundlich, aber bestimmt: „Ich brauche diesen Termin jetzt. Es ist mein Leben, über das wir hier sprechen.“

Das hat sie verstanden und ging mit meiner Überweisung zum Arzt. Als sie wiederkam, hatte ich einen Termin für den kommenden Tag. Mit Dankbarkeit verließ ich die Anmeldung und ging erst einmal nach Hause. Mein Kopf war nur von dem Gedanken verfolgt, dass es Krebs sein könnte. Nichts war wirklich echt. Angst und Hoffnung waren es an diesem Tag…

Und dann kam alles anders…

Dienstagmorgen – gedanklich schon in der Radiologie …
Ich ließ mich an diesem Tag von meiner Tochter hinfahren und sagte ihr, dass ich mich melde, sobald sie mich abholen kann.

Ich war sehr früh da und musste viel Wartezeit einplanen. Dann der Aufruf meines Namens. Noch immer voller Hoffnung und mit positiven Gedanken ging ich zur Untersuchung. Ich hatte schon ganz vergessen, wie das war, denn meine letzte Mammographie war bereits neun Jahre her.

Die Schwester machte die Untersuchung und ging dann hinaus. Ich musste warten. Ein paar Minuten später kam der Arzt herein. „Wir machen noch einen Ultraschall.“ Ich legte mich hin. Während des Ultraschalls sagte er: „Es sieht nicht gut aus. Das ist sehr sicher bösartig.“ Ich konnte erst einmal nichts sagen. Tränen liefen mir übers Gesicht – schon wieder. Was er dann sagte, war entscheidend für meinen Weg: „Wir sind bei den Vorsorgeuntersuchungen weltweit so ziemlich das Schlusslicht, aber bei den Heilungschancen sind wir weltweit die Nummer zwei.“

Krebs ist ein Arsch.

Und da war es. Das Gefühl von Lebensfreude, die Kraft, das durchzustehen, der Mut, diesen Weg zu gehen, und die Kampfansage an diese Krankheit. Krebs ist ein Arsch.
Es war erst 11:30 Uhr, aber das war egal. Die Tränen kurz getrocknet, sagte ich zu ihm: „Ich trinke zwar keinen Schnaps, aber ich gehe jetzt einen Wein trinken.“
Er lachte und antwortete mit einem Lächeln: „Das machen Sie. Und ab sofort machen Sie nur noch das, was Ihnen guttut.“
Ich ging zum Restaurant im Erdgeschoss, das gerade geöffnet hatte. Die Tränen waren wieder da. Ich lief direkt zur Theke und bestellte einen Wein.
Mit dem Glas ging ich auf die Terrasse und rief zuerst meinen Mann an. Wie üblich war er im Büro. Als ich mir vorstellte, dass ich jetzt diesen einen Satz sagen würde, verlor ich den Boden unter meinen Füßen.

Ich habe Krebs.

Das war der Augenblick, der mein Leben auf den Kopf stellte. Der mir sagte: Ab jetzt und für eine ganz lange Zeit wird alles anders sein.
Veränderung, Traurigkeit, Verzweiflung, Angst, Angst & Angst machten mein Leben in diesem Moment surreal. Ich sah niemanden mehr, merkte nicht, was um mich herum geschah. Nur die Stimme meines geliebten Mannes am Telefon.
„Ja“, sagte er. Und ich konnte nicht antworten. Nur mein Schluchzen war zu hören. Dann wieder: „Ja, Schatz. Was ist?“ Mit zugeschnürter Kehle sagte ich nur einen Satz: „Ich habe Krebs. Bitte hol mich ab.“ Während ich auf ihn wartete, rief ich unter Tränen meine Tochter an. Sie sollte sofort ihren Bruder von der Schule holen. Ohne mehr zu sagen, legte ich auf. Sie ist mein Kind. Ich kann ihr das doch nicht einfach am Telefon sagen. Niemals hätte ich das gemacht.
Gleich danach rief ich im Sekretariat der Schule an. Da ich die Sekretärin persönlich kenne, war eine Begründung nicht nötig. Sie fragte nicht, warum. Sie hörte an meiner Stimme, dass es ernst war.

Und dann wollte ich meine Mama hören. Auch mit 44 Jahren wollte ich einfach nur Mama. Wie es so ist – egal, wie alt wir sind, wir brauchen unsere Eltern. Da Papa schon lange nicht mehr lebt, war ich sehr glücklich darüber, dass ich sie noch habe. Als sie den Hörer abnahm, hörte sie nur mein Schluchzen. Sofort schrie sie ins Telefon: „Mary, was ist los?“ Meine Antwort: „Ich habe Krebs, Mami.“ Dann schrie und weinte sie bitterlich. Nur immer wieder: „Nein, nein, nein – nicht meine Mary.“ Meine Oma, die ebenfalls da war, sagte nur: „Was ist los?“ Als meine Mama es ihr sagte, war es wieder nur dieses: „Nein, nein, nein …“

Der Boden unter den Füßen

Jetzt war mir klar: Nicht nur mein Boden unter den Füßen war nicht mehr da. Auch der meines Mannes, meiner Mama, meiner Großmutter und, wenn ich ehrlich bin, ohne es zu sagen, auch der meiner Tochter.
Da war meine Entscheidung gefallen. Ich werde diesen Kampf gewinnen. Ich lasse mich nicht unterkriegen. Niemals. Die Verzweiflung war weg, der Mut wieder da, die Stärke spürbar. Obgleich Tränen in den nächsten Tagen und Wochen eine Rolle spielten – Kraft & Willensstärke, Lebensmut & meine Freude waren größer, als sie jemals waren. Als ich ins Auto stieg, sah ich meinen Mann an und sagte: „Wir bekommen das hin. Ich werde das schaffen. Ach ja – und die Brüste kommen ab.“
Seine Antwort werde ich nie vergessen: „Alles, was du willst, Schatz. Ich stehe hinter dir.“
Dieser Satz, das sind die Worte, die in unseren Ringen stehen: Zusammenhalten & zusammen halten. Sie waren nun nicht mehr nur Worte. Sie wurden real.
Auf der Heimfahrt rief ich erneut in der Praxis an, und die Biopsie wurde gleich auf den nächsten Tag gelegt. Donnerstag war dann schon die Auswertung, und Freitag hatte ich bereits den Rückruf aus der Klinik.
Zu Hause angekommen, setzte ich mich auf die Terrasse, und wieder liefen mir die Tränen – einfach so, blickend ins Ungewisse.

Kurze Zeit später kamen meine Kinder nach Hause. Als ich sie beide angesehen habe, war es spürbarer, greifbarer, als es je zuvor gewesen ist: der Wille zu leben.

Beide Kinder sehen dich an. Die Frau, der Mensch, der alles für sie bedeutet – und dieser Mensch muss ihnen jetzt sagen: Ich habe Krebs. Das konnte ich nicht. Niemals hätte ich es geschafft, sie ins Bodenlose fallen zu lassen. Also spannte ich direkt ein Netz.

Ich habe Krebs, aber ich schaffe das

„Ich habe Krebs, aber ich schaffe das.“
Auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich wusste, wie es in meinem Körper aussieht.
Es war klar, dass das nicht nur Worte waren – es war ein Versprechen. Und niemals würde ich dieses Versprechen brechen.
Das war gefährlich und hätte auch eine Lüge sein können, denn ich wusste es nicht. Es war nur mein Glaube. Wir nahmen uns in die Arme und weinten. Die Welt war für mich acht Arme und vier Pfoten – mehr habe ich nicht gebraucht. Dieser Moment sollte ewig sein und nie vergehen. Doch jede Umarmung ist nur ein Moment, ein Augenblick … bis real wird, dass die Welt so viel größer ist. So unbedeutsam all das andere ist, holt es uns immer wieder ein.
Als sich die Umarmung löste, blickten wir uns alle an. Ohne Worte hat in diesem Augenblick jeder fliegen gelernt und flog davon. Ich war allein auf der Terrasse und bereit zu landen. Das Schlimmste war den Allerwichtigsten in meinem Leben gesagt.

Ich schaffe das. Wir schaffen das.
Und so schaute ich ein letztes Mal in den Himmel an diesem Tag …

Ein neues Leben…

Ich stehe auf meiner Terrasse und schaue wieder hinauf. Der Sommer ist vergangen, der Herbst und Winter waren eine harte Zeit. Jetzt ist er da: der Frühling. Es ist fast ein Jahr vergangen, und meine Haare wachsen wieder. Ich lächle und weiß, dass ich diesen Kampf gewonnen habe. Und ich gehe weiter – in eine neues, für mich noch unbekanntes Leben.

Krebs ist ein Arsch”
Mareen

FAQs

Angst, dass der Krebs wieder kommt – was nun?

Eine Angst, die du lernst zu akzeptieren. Diese Angst ist nicht dein Feind.
Sie sagt: "Geh regelmäßig zur Kontrolle." "Höre auf deinen Körper" "Lass uns den Körper frühzeitig untersuchen." "Ich bin etwas besonderes, weil ich dir helfen will."

Wir verbinden Angst immer mit etwas schlechtem. Dabei ist Angst ein Zeichen dafür, dass wir auf uns hören.
Die Angst, dass der Krebs wiederkommt, kennen viele Betroffene.
Sie kann laut sein, plötzlich auftauchen und besonders vor Kontrollterminen alles wieder hochholen.

Lass sie zu, aber lass sie niemals die Kontrolle übernehmen.

Viele Betroffene berichten, dass ihnen hilft:

  • offen über ihre Gefühle und Ängste zu sprechen
  • sich Schritt für Schritt auf die nächsten Behandlungsschritte zu konzentrieren
  • Unterstützung durch Familie, Freunde oder Beratungsstellen anzunehmen

Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben.
Mut bedeutet, sie zuzulassen.

Wo finde ich Unterstützung nach der Krebsdiagnose?

Es gibt viele Anlaufstellen, die dir in dieser schwierigen Zeit Unterstützung bieten. Nutze vor allem auch die regionalen Angebote vor Ort. Hier lernst du Menschen kennen, denen es ähnlich geht. Und gemeinsam ist es im Leben eben ein bisschen leichter.

Es gibt viele Angebote, die du nutzen kannst:

  • Krebsberatungsstellen (vor allem regional gibt es viele Angebote)
  • psychoonkologische Unterstützung (Frage gerne in deiner Klinik nach Kontakten)
  • Selbsthilfegruppen (liegen oft als Flyer in Kliniken aus)
  • Online-Communities für Betroffene (Auch online findest du Austausch - Achte dabei aber auf seriöse Quellen und darauf, was dir wirklich guttut.)

Du bist nicht alleine.

Darf ich während der Krebs-Therapie schwach sein?

Ja. Krebsbehandlungen können körperlich und emotional sehr anstrengend sein. Es ist völlig in Ordnung, Tage zu haben, an denen du erschöpft bist, dich zurückziehen möchtest oder einfach keine Kraft hast.

  • Dein Körper arbeitet hart – gib ihm Ruhe & Zeit.
  • Du darfst körperlich und emotional schwach sein.
  • Du darfst müde sein.
  • Du darfst traurig, wütend oder überfordert sein.
  • Du darfst Pausen brauchen.
  • Du darfst Hilfe annehmen.

Schwäche ist keine fehlende Stärke - sie ist ein Teil davon.

Wie sage ich meiner Familie oder meinen Freunden von der Diagnose?

Viele Betroffene haben Angst vor diesem Gespräch. Oft hilft es, ehrlich und ruhig zu erklären, was man selbst bereits weiß. Du kannst auch sagen, dass du noch nicht auf alle Fragen eine Antwort hast. Familie und Freunde möchten meist helfen – manchmal wissen sie nur nicht wie.

Wie gehe ich mit der Angst bei Krebs um?

Angst ist eine natürliche und wichtige Reaktion.
Vielen hilft es:

  • offen über ihre Gefühle zu sprechen
  • sich gut über die Erkrankung zu informieren
  • kleine Ziele für den Alltag zu setzen
  • Unterstützung von Psychoonkologen oder Selbsthilfegruppen anzunehmen
  • mit Menschen reden, bei denen man einfach sein darf

Die Angst darf ein Teil von Dir sein. Aber sie darf nicht führen.

Ich habe gerade die Diagnose Krebs bekommen – was jetzt?

Die Diagnose nimmt vielen von uns den Boden unter den Füßen.
Für einen Moment ist das Leben surreal.
Wir fühlen uns überfordert, haben Angst und ein großes Fragezeichen, wenn wir an unsere Zukunft denken. Das ist völlig normal.
Du musst diesen Weg nicht alleine gehen. Sprich mit Menschen, die dir nahe stehen. Stelle Fragen an dein Behandlungsteam und hole dir die Unterstützung deiner Familie und deinen Freunden. Gemeinsam fühlt es sich leichter an.

Schritt für Schritt entsteht ein Weg.

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